Viele von uns kennen diesen Gedanken: Vielleicht bräuchte ich doch noch ein anderes Objektiv. Vielleicht eine bessere Kamera. Vielleicht mehr Absicherung. In diesem Artikel geht es um die Frage, ob uns mehr Ausrüstung wirklich weiterbringt (Stichwort: Gear FOMO – Gear = Ausrüstung und FOTO steht für Fear of missing out (deutsch: Angst, etwas zu verpassen)) – oder ob wir manchmal einfach wieder mehr Vertrauen in unseren eigenen Blick brauchen. Und schon lange predige ich ja, dass du dir deinen nächsten Kamerakauf gut überlegen solltest.
Ich hätte früher nie gedacht, dass ich das einmal sage:
Ich war nie so kreativ wie in den Momenten, in denen ich nicht alles zur Verfügung hatte.
Keine volle Fototasche.
Keine doppelte Absicherung.
Keine fünf Objektive zur Auswahl.
Nur eine Kamera.
Ein Objektiv.
Und die Bereitschaft, eine Lösung zu finden.
Als ich mein berufliches Leben von Berlin ins Wendland verlagert habe, mein Studio umgezogen und vieles neu aufgebaut habe, ist mir etwas bewusst geworden:
Es gab eine Zeit, da habe ich regelmäßig nach neuer Ausrüstung geschaut.
Nicht, weil meine Technik schlecht war.
Nicht, weil sie nicht gereicht hätte.
Sondern aus einem inneren Gefühl heraus:
Was, wenn ich nicht gut genug vorbereitet bin?
Der Gedanke hinter dem „Mehr“
Vielleicht kennst du das:
- Eine zusätzliche Kamera „für alle Fälle“
- Noch ein Objektiv „für besondere Situationen“
- Ein größerer Reflektor
- Mehr Licht
- Mehr Sicherheit

Aber wenn ich ehrlich bin, war das selten ein Qualitätsanspruch.
Es war Kontrolle.
Ich wollte Unsicherheit vermeiden.
Ich wollte den kreativen Prozess beherrschen.
Ich wollte nichts dem Zufall überlassen.
Doch genau dort beginnt das Problem.
Was bedeutet eigentlich „Gear FOMO“?

Gear FOMO beschreibt die Angst, fotografisch ins Hintertreffen zu geraten,
weil man nicht die neueste oder beste Ausrüstung besitzt.
FOMO steht für „Fear of Missing Out“ – also die Sorge, etwas zu verpassen.
In der Fotografie zeigt sich das zum Beispiel so:
- „Mit der neuen Kamera wären meine Bilder besser.“
- „Ich brauche noch ein lichtstärkeres Objektiv.“
- „Ohne Backup bin ich nicht professionell genug.“
- „Andere sind technisch weiter – also vermutlich auch besser.“
Dabei geht es selten nur um Technik.
Oft steckt dahinter:
- das Bedürfnis nach Sicherheit
- der Vergleich mit anderen
- die Angst, nicht vorbereitet zu sein
- oder fehlendes Vertrauen in den eigenen Blick
Die ehrliche Frage lautet daher nicht:
„Welche Ausrüstung fehlt mir?“
Sondern:
„Vertraue ich mir – oder versuche ich, Unsicherheit durch Technik zu kompensieren?“
Warum Einschränkung oft kreativer macht
Wenn ich nur ein 50mm-Objektiv dabeihatte, musste ich mich bewegen.
Ich musste näher heran.
Ich musste bewusster sehen.

Wenn etwas nicht funktionierte, stellte sich nicht die Frage:
„Was wäre jetzt ideal?“
Sondern:
„Wie mache ich das möglich?“
Und genau in diesem Moment entsteht Kreativität.
Nicht durch Auswahl.
Sondern durch Lösung.
5 Impulse für mehr Kreativität mit weniger Ausrüstung
1. Gehe bewusst reduziert los
Lass beim nächsten Spaziergang bewusst einen Teil deiner Ausrüstung zuhause.
Eine Kamera. Ein Objektiv. Mehr nicht.
2. Beobachte deine Kaufimpulse
Frage dich ehrlich: Brauche ich das wirklich?
Oder beruhigt es nur meine Unsicherheit?
3. Erinnere dich an deinen Anfang
Wie hast du früher fotografiert?
Oft mit weniger – aber mit mehr Neugier.
4. Vertraue deinem Blick
Technik ist wichtig.
Aber entscheidend ist, wie du Licht, Formen und Stimmungen wahrnimmst.
5. Akzeptiere Unvollkommenheit
Nicht jedes Bild muss perfekt abgesichert sein.
Lebendigkeit entsteht selten aus Kontrolle.
Eine Frage, die bleibt
Vielleicht ist die beste Phase unserer Fotografie nicht die Phase, in der wir alles besitzen.
Sondern die Phase, in der wir improvisieren.
Mit 20 suchte ich Möglichkeiten.
Mit 40 suchte ich Sicherheit.
Mit 50 suche ich wieder Vertrauen.

Lars Poeck ist seit über zehn Jahren als selbstständiger Business-Fotograf in Hamburg tätig und arbeitet deutschlandweit für Unternehmen, Selbstständige und Kreative. Sein Fokus: authentische Businessporträts und Bildwelten mit Persönlichkeit – ohne steife Posen.
Auf seinem Fotografieblog ig-fotografie.de vermittelt er seit 2015 praxisnahe Tipps, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Online-Fotokurse für Einsteiger und ambitionierte Hobbyfotografen.
Als Experte veröffentlicht er Fachbeiträge in Medien wie c’t Fotografie und DigitalPHOTO und war Interviewpartner u. a. im ZDF-Magazin „leute heute“ sowie im WDR 5 Morgenecho. Seine fotografischen Arbeiten erscheinen zudem in Zeitungen wie der Preußischen Allgemeinen Zeitung und dem Tagesspiegel.
Er ist Autor mehrerer Fotografie-Ratgeber, darunter „Kreative Foto-Aufgaben für jeden Tag“ (Humboldt Verlag). Seine Bücher werden auf Amazon vielfach positiv bewertet.
Als Fototrainer ist er regelmäßig auf Messen und Events wie der Autorinnenrunde der Leipziger Buchmesse, dem DVF-Jugendtreff, der photo+adventure, den Laupheimer Fototagen und der Berlin Photo Week vertreten.

