Warum viele Menschen glauben, sie müssten besser fotografieren lernen – dabei haben sie nur verlernt, bewusst hinzusehen.
Wann hast Du das letzte Mal etwas entdeckt, das Du vorher jahrelang übersehen hast?
Vielleicht eine einfache Spiegelung in einer Pfütze. Das Licht, das am Abend durch ein Fenster fällt. Die Struktur einer wundervoll verwitterten Holztür. Oder den Schatten eines Baumes, der absurderweise spannender war als der Baum selbst.
Das Faszinierende daran find ich immer wieder: Diese Dinge waren schon immer da.
Du hast sie nur nicht wahrgenommen – also nur nicht gesehen.
Und genau hier beginnt für mich Fotografie und das Herzstück zum richtigen Fotografieren lernen.
Nicht bei Blende, Belichtungszeit oder Brennweite. Sondern bei Aufmerksamkeit.
Denn bevor wir ein Bild gestalten können, müssen wir überhaupt erst lernen, ein Motiv zu erkennen.
Wir sehen längst nicht alles




Viele glauben, unsere Augen zeigen uns die Welt so, wie sie ist.
Das stimmt nicht.
Unser Gehirn also insbesondere der Thalamus filtert ununterbrochen Informationen. Wie so ein dauerhaft laufender Computer. Das Gehirn blendet alles aus, was gerade unwichtig erscheint. Und das ist auch wichtig, denn sonst wären wir sowas von hoffnungslos überfordert.
Das ist im Alltag unglaublich praktisch.
Für Fotografen ist es allerdings eine kleine Herausforderung.
Denn genau dieser automatische Filter sorgt dafür, dass wir immer dieselben Wege gehen, dieselben Motive entdecken und oft sogar dieselben Bilder machen.
Nicht, weil wir unkreativ sind.
Sondern weil unser Gehirn möglichst energiesparend arbeitet.
Deshalb ist fotografieren für mich viel weniger ein Techniktraining als ein Wahrnehmungstraining.
Gute Fotografen sehen nicht mehr. Sie sehen bewusster.

Das ist ein wichtiger Unterschied.
Sie besitzen keine geheimnisvolle Fähigkeit.
Sie haben gelernt, ihre Aufmerksamkeit zu lenken.
Sie entdecken Licht, bevor sie ein Motiv sehen.
Sie bemerken Linien, Schatten und Farben, während andere einfach weitergehen.
Sie bleiben stehen, wo andere vorbeilaufen.
Und genau das kannst auch Du lernen.
Nicht über Nacht.
Aber Schritt für Schritt.
Die ersten fünf Schritte in die Welt des fotografischen Sehens
Es gibt unzählige Schritte, um dich dem Fotografieren lernen zu nähern – ebenso viele Fehler in der Fotografie. Hier hab ich dir einmal meine wichtigsten 5 Schritte aufgeschrieben hin zum Abenteuer Fotografie.

1. Werde langsamer
Die meisten Bilder entstehen nicht deshalb nicht, weil keine Motive da sind.
Sondern weil wir zu schnell unterwegs sind.
Bleib häufiger stehen.
Beobachte.
Schau nicht sofort durch den Sucher oder auf das Display.
Frage Dich stattdessen:
Was hält meinen Blick gerade fest?
Allein diese Frage verändert oft schon Deine Wahrnehmung.
2. Suche nicht nach Motiven
Dieser Satz klingt zunächst widersprüchlich.
Aber versuche einmal etwas anderes.
Suche nicht nach einem Baum.
Suche nach Licht.
Suche nach Schatten.
Suche nach Farben.
Suche nach Formen.
Suche nach Spiegelungen.
Plötzlich wirst Du feststellen, dass Motive überall entstehen.
3. Entdecke das Gewöhnliche neu

Viele Menschen warten auf den spektakulären Sonnenuntergang oder den nächsten Urlaub.
Dabei liegen die spannendsten Bilder oft direkt vor der Haustür.
Ein Geländer.
Ein Blatt.
Eine Pfütze.
Ein Zaun.
Ein Fenster.
Fotografie beginnt oft genau dort, wo wir aufhören, das Alltägliche zu übersehen.
4. Verändere Deinen Standpunkt
Die einfachste Möglichkeit, ein neues Bild zu machen, besteht oft darin, einen Schritt zur Seite zu gehen.
Oder in die Hocke.
Oder höher zu steigen.
Nicht zoomen.
Bewegen.
Die Perspektive verändert nicht nur Dein Bild.
Sie verändert Deinen Blick.
5. Gib Deinem Gehirn eine Aufgabe
Kreativität wirkt oft geheimnisvoll.
Dabei lässt sie sich erstaunlich gut trainieren.
Nicht durch unbegrenzte Freiheit.
Sondern durch kleine Einschränkungen.
Versuche heute einmal ausschließlich:
- Schatten zu fotografieren.
- Spiegelungen zu entdecken.
- Natürliche Rahmen zu nutzen.
- Details statt Übersichten aufzunehmen.
- Bewegung sichtbar zu machen.
- Nur im Hochformat zu fotografieren.
Plötzlich beginnt Dein Gehirn, Dinge zu entdecken, die es vorher ausgeblendet hat.
Kreativität ist keine Begabung
Das ist unser wahrscheinlich wichtigster Gedanke dieses Artikels.
Egal ob Online-Fotokurs für Anfänger oder Fototour durch die Großstadt – immer wieder höre ich die Sorge der Teilnehmer: “Ich bin einfach nicht kreativ.”
Ich glaube das nicht.
Kreativität ist für mich nichts Mystisches.
Sie entsteht, wenn wir lernen, genauer hinzusehen, neugierig zu bleiben und Gewohnheiten bewusst zu durchbrechen.
Deshalb fotografieren wir nicht, um Erinnerungen festzuhalten.
Wir fotografieren auch, um unsere Wahrnehmung zu verändern.
Je bewusster Du hinschaust, desto mehr Motive wirst Du entdecken.
Und irgendwann stellst Du fest, dass sich gar nicht die Welt verändert hat.
Sondern Dein Blick auf sie.
Eine kleine Aufgabe für Deinen nächsten Spaziergang
Lass die Kamera zunächst in der Tasche.
Gehe fünf Minuten langsam.
Suche nicht nach einem schönen Motiv.
Suche nur nach einer einzigen Spiegelung. Einem interessanten Schatten. Einer ungewöhnlichen Struktur. Oder einem Detail, das Dir bisher nie aufgefallen ist.
Erst wenn Du wirklich etwas entdeckt hast, nimm die Kamera in die Hand.
Ich bin gespannt, ob Du überrascht sein wirst, wie viele Motive plötzlich da sind.

Lars Poeck ist seit über zehn Jahren als selbstständiger Business-Fotograf in Hamburg tätig und arbeitet deutschlandweit für Unternehmen, Selbstständige und Kreative. Sein Fokus: authentische Businessporträts und Bildwelten mit Persönlichkeit – ohne steife Posen.
Auf seinem Fotografieblog ig-fotografie.de vermittelt er seit 2015 praxisnahe Tipps, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Online-Fotokurse für Einsteiger und ambitionierte Hobbyfotografen.
Als Experte veröffentlicht er Fachbeiträge in Medien wie c’t Fotografie und DigitalPHOTO und war Interviewpartner u. a. im ZDF-Magazin „leute heute“ sowie im WDR 5 Morgenecho. Seine fotografischen Arbeiten erscheinen zudem in Zeitungen wie der Preußischen Allgemeinen Zeitung und dem Tagesspiegel.
Er ist Autor mehrerer Fotografie-Ratgeber, darunter „Kreative Foto-Aufgaben für jeden Tag“ (Humboldt Verlag). Seine Bücher werden auf Amazon vielfach positiv bewertet.
Als Fototrainer ist er regelmäßig auf Messen und Events wie der Autorinnenrunde der Leipziger Buchmesse, dem DVF-Jugendtreff, der photo+adventure, den Laupheimer Fototagen und der Berlin Photo Week vertreten.

