Fotografie, Psychologie und Fototherapie: Wie Bilder unsere Emotionen beeinflussen

Hast du dich jemals gefragt, warum dich bestimmte Bilder zum Lächeln bringen, während andere dich nachdenklich machen oder sogar zum Weinen bringen? Warum erzeugen manche Fotos ein Gefühl der Ruhe, während andere in dir Unruhe oder Stress auslösen? Das liegt an der tiefen Verbindung zwischen Fotografie und Psychologie. In diesem Artikel möchte ich dir etwas über eine etwas andere – aber nicht minder faszinierende – Welt der Psychologie der Fotografie erzählen und mit dir zusammen erforschen, wie Bilder unsere Emotionen beeinflussen – und wie diese Ansätze manchen in Form einer Fototherapie helfen.

Wie Bilder unsere Emotionen beeinflussen

Verbindung zwischen Fotografie und Psychologie
Blasse Farben, trister und trüber Tag und deine Emotionen.
Foto: pat__/unsplash

Farbpsychologie in der Fotografie

Farben und die Wirkung von Farben spielen eine entscheidende Rolle in der Fotografie. Sie können Stimmungen in dir erzeugen, Gefühle hervorrufen und Geschichten erzählen. Denk nur an das tiefe Blau des Ozeans, das Ruhe und Frieden ausstrahlt, oder das leuchtende Rot einer Rose, das Leidenschaft und Liebe symbolisiert. Farben haben Wirkung, ebenfalls wie das bewusste weglassen von Farbe in deinen Fotos. Sei dir dessen immer bewusst.

Komposition und emotionale Wirkung

Die Art und Weise, wie ein Bild zusammengesetzt ist – die Komposition, kann auch unsere Emotionen beeinflussen. Ein gut komponiertes Bild kann uns in seinen Bann ziehen und uns dazu bringen, uns mit dem Motiv zu verbinden.

Ebenso kann uns ein fehlende Bildgestaltung irritieren oder eine falsche Emotion hervorrufen, als der Fotograf es möglicherweise vor hatte.

Symbolik und Assoziationen

lost-place-berlin-18 - Verbindung zwischen Fotografie und Psychologie

Bilder können auch durch Symbolik und Assoziationen Emotionen hervorrufen. Ein Bild von einem alten, verlassenen Zimmer, ein zerfetzter Vorhang oder ein einsames Haus kann Gefühle von Einsamkeit und Melancholie hervorrufen. Mit diesen Gefühlen habe ich viel gespielt, als ich mich intensiv mit der Fotografie in Lost Places beschäftigt habe.

berlin-sonnenuntergang
Der Berliner Sonnenuntergang im Mauerpark – löst ein warmes wohliges Gefühl hervor.

Hingegen kann das Bild von einem leuchtenden Sonnenuntergang uns ein Gefühl von Hoffnung und Neuanfang geben kann. Das habe ich mir viel zunutze gemacht, als ich in der Stockfotografie meine Bilder verkauft habe.

Psychologische Aspekte der Porträtfotografie

Ausdruck von Emotionen im Gesicht

In der Porträtfotografie spielt der Ausdruck von Emotionen eine große Rolle. Ein Lächeln kann Freude und Glück ausdrücken, während Tränen Traurigkeit und Verlust darstellen können. Diese traurige Wirkung kannst du übrigens auch auf Tiere übertragen – wie hier der scheinbar traurig wirkende Leopard – fotografiert im Zoo Berlin.

Genau gegenteilig geht die Tierfotografin Elke Vogelsang in ihrer Hundefotografie vor. Hier spielt sie mit skurrilen Situationen und Perspektiven und erwischte die Tiere so in sehr lustigen Posen.

Die Rolle des Blickkontakts

Der direkte Blick stellt immer eine Verbindung her.

Blickkontakt kann in der Porträtfotografie sehr mächtig sein. Ein direkter Blick in die Kamera kann eine starke Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Motiv herstellen und starke Emotionen hervorrufen.

Die Rolle der Fotografie in der Therapie

Fotografie als therapeutisches Werkzeug

Achtsamkeit in der Fotografie
Photo by Helena Lopes on Pexels.com

Fotografie ist nicht nur eine Kunstform oder ein Mittel zur Dokumentation, sondern kann auch als therapeutisches Werkzeug dienen. Das spüre ich im kleinen bereits bei der Idee von mehr Achtsamkeit durch die Fotografie.

Dieser Ansatz, bekannt als Fototherapie, nutzt die Macht der Bilder, um uns zu helfen, uns selbst besser zu verstehen und unsere Gefühle und Emotionen zu verarbeiten.

Die Praxis der Fototherapie

Diese Fototherapie kann in vielerlei Hinsicht praktiziert werden. Eine Methode besteht darin, Fotos zu machen, die unsere aktuellen Gefühle oder Gedanken darstellen. Dies kann uns helfen, unsere Emotionen zu externalisieren und sie aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Die Fototherapie – übrigens nicht zu verwechseln mit der medizinischen Phototherapie durch UV-A-Licht und sichtbares, blaues Licht – ist eine Methode, die von Judy Weiser entwickelt wurde. 

Die Fototherapie umfasst im wesentlichen fünf Techniken:

Familienfotos Tipps Fotografieren
  1. Deine eigenen Fotos:
    Diese Bilder enthalten persönliche und emotionale Informationen, die wir gemeinsam erkunden können.
  2. Fotos von dir, die andere gemacht haben:
    Diese Fotos zeigen, wie andere dich sehen und was sie an dir schätzen.
  3. Selbstporträts:
    Bilder, die du von dir selbst gemacht hast, können helfen, dein Selbstbild zu klären und dein Selbstwertgefühl zu steigern. Andersherum können Selfies auch die Selbstwahrnehmung verzerren und stören.
  4. Familienalben:
    Deine Familienfotos können einen Dialog über deine persönliche Geschichte und Beziehungen in deiner Familie anstoßen.
  5. Foto-Projektion:
    Wie du Fotos interpretierst, sagt viel über deine Wahrnehmung der Welt aus. Deine Reaktionen auf Bilder können tiefere Gefühle und Erinnerungen hervorrufen.

In einem weiteren Fachbuch zum Thema Fototherapie von Claire CraigFototherapie – Kreative Fotoarbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen” erläutert die Fotografin Beispiele und Methoden, welche sich nicht nur für die therapeutische sondern auch sehr gut für die pädagogische Arbeit eignen – anhand von Themen wie „Bilder als Einstiege und Starter“, „Bilder als Anregung zur Reflexion“ oder „Bilder und Ich-Identität“.

Fragen an deine Fotos:

  1. Welche Gefühle oder Emotionen werden bei dir ausgelöst, wenn du dieses Foto betrachtest? Warum denkst du, löst es diese speziellen Gefühle aus?
  2. Gibt es bestimmte Elemente oder Details in dem Foto, die besonders auffällig für dich sind oder eine besondere Bedeutung für dich haben? Wenn ja, welche sind das und warum sind sie wichtig für dich?
  3. Widmest du dich verstärkt gewissen Fotogenres?
    Die Portraitfotografie kann dazu dienen, die Persönlichkeit, Emotionen und Erfahrungen einer Person zu erforschen, Landschaftsfotografie kann in dir möglicherweise Gefühle von Frieden, Ruhe oder Ehrfurcht hervorrufen. Landschaftsfotos können auch als Metapher für persönliche Reisen oder Herausforderungen dienen. Die Experimentelle Fotografie kann – psychologisch gesehen – dazu anregen, über die Natur der Realität und die Möglichkeiten der künstlerischen Darstellung nachzudenken.
  4. Welche Erinnerungen oder persönlichen Erfahrungen werden durch das Betrachten dieses Fotos hervorgerufen? Wie beeinflussen diese Erinnerungen oder Erfahrungen deine Interpretation des Fotos?
  5. Wenn du das Foto als eine Metapher für einen Aspekt deines Lebens betrachten würdest, welcher wäre das und warum?
    Eine Brücke über einen Fluss kann als Metapher für die Überwindung von Hindernissen oder Schwierigkeiten in deinem Leben sein, ein Foto von einem Sonnenaufgang hingegen als Metapher für einen Neuanfang in deinem Leben.
  6. Wie würdest du dich fühlen, wenn du das Foto jemand anderem zeigen würdest? Gibt es bestimmte Personen, mit denen du dich wohl oder unwohl fühlen würdest, dieses Foto zu teilen, und warum?

Fototherapie und Emotionsausdruck

Zum Beispiel könnte jemand, der mit tiefer Traurigkeit (oder auch Trauer) kämpft, ein Bild machen, das diese Emotion für sie darstellt.

Dies könnte ein dunkler, regnerischer Himmel sein, oder ein leeres Zimmer, oder irgendetwas anderes, das die Emotion für sie einfängt. Durch das Fotografieren dieser Szene kann die Person die Traurigkeit anerkennen und ausdrücken, was oft der erste Schritt zur Bewältigung ist.

Reflektieren über alte Fotos

Eine andere Methode der Fototherapie besteht darin, alte Fotos zu betrachten und darüber zu reflektieren, was sie in uns auslösen. Dies kann uns helfen, vergangene Erfahrungen zu verarbeiten und ein tieferes Verständnis für uns selbst und unsere Lebensgeschichte zu entwickeln.

Fotografie und Selbstwahrnehmung

Fototherapie kann auch dazu dienen, positive Gefühle und Selbstwahrnehmungen zu fördern. Zum Beispiel könnte jemand, der mit geringem Selbstwertgefühl kämpft, eine Reihe von Selbstporträts machen, in denen er sich in einer Weise darstellt, die er als schön oder kraftvoll empfindet. Durch das Betrachten und Reflektieren über diese Bilder kann die Person beginnen, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und ein positiveres Selbstbild zu entwickeln.

Die Rolle der Selbstreflexion in der Fototherapie

In all diesen Methoden ermöglicht die Fotografie eine Form der Selbstreflexion. Durch das Fotografieren können wir unsere innersten Gedanken und Gefühle visualisieren und sie aus einer neuen Perspektive betrachten. Dies kann uns helfen, uns selbst und unsere Emotionen besser zu verstehen und einen Weg zur Heilung und Selbstentwicklung zu finden.

Fotografie als Ausdrucksmittel

Fotografie ist, wie ich finde, ein sehr mächtiges Medium, das uns ermöglicht, unsere Gefühle und Emotionen auf eine Art und Weise auszudrücken, die oft über Worte hinausgeht. Durch das Erstellen von Bildern können wir unsere innersten Gedanken und Gefühle darstellen und mit anderen teilen. Hier sind drei Beispiele, wie dies in der Praxis aussehen kann:

  1. Fotografie als Selbstausdruck:
    Nehmen wir an, du fühlst dich in deinem Leben gefangen oder eingeschränkt. Du könntest ein Foto machen, das diese Emotion darstellt – vielleicht ein Bild von einem Vogel in einem Käfig oder von Händen, die an einem Zaun festhalten. Dieses Bild könnte anderen helfen, deine Gefühle zu verstehen, und könnte auch ein Ausgangspunkt für Gespräche oder Therapie sein.
  2. Fotografie zur Darstellung von Freude und Glück:
    Vielleicht hast du einen besonderen Moment erlebt – einen wunderschönen Sonnenuntergang, ein Lächeln eines geliebten Menschen oder einen Sieg, den du errungen hast. Ein Foto von diesem Moment kann deine Freude und dein Glück festhalten und dir ermöglichen, diese Gefühle mit anderen zu teilen.
  3. Fotografie zur Verarbeitung von Trauer und Verlust:
    Wenn du einen Verlust erlebt hast, kann das Erstellen von Bildern, die diesen Verlust darstellen, eine therapeutische Wirkung haben. Zum Beispiel könntest du ein Foto von einem leeren Stuhl machen, um den Verlust eines geliebten Menschen darzustellen, oder ein Bild von einem verwelkten Blatt, um das Gefühl des Vergehens und der Vergänglichkeit darzustellen.

In all diesen Fällen ermöglicht die Fotografie eine visuelle Darstellung von Emotionen und Erfahrungen, die oft schwer in Worte zu fassen sind. Sie kann ein kraftvolles Werkzeug zur Selbstreflexion und Kommunikation sein.

Die Wirkung von Fotografie auf das Gedächtnis

Fotografie als Erinnerungshilfe

Fotos dienen oft als Tor zu unseren Erinnerungen. Das spüre ich immer wieder, gerade bei der Erinnerung an meine Eltern – sowohl für mich als auch das gemeinsame erinnern mit meinen Kindern zusammen.

Denk nur an das Gefühl, das du bekommst, wenn du ein altes Fotoalbum (aus analogen Fotos) durchblätterst. Jedes Bild kann eine Flut von Erinnerungen auslösen, von den Geräuschen und Gerüchen des Tages bis hin zu den Gefühlen, die du in diesem Moment hattest. Das ist oft noch mächtiger als ein Video, da es für dich mehr Raum zulässt.

Fotografie kann uns helfen, wichtige Momente in unserem Leben festzuhalten und zu bewahren. Sie kann uns helfen, die Vergangenheit lebendig zu halten und uns an die Menschen, Orte und Erlebnisse zu erinnern, die uns geprägt haben.

Der Einfluss von Fotos auf unsere Erinnerungen

Aber Fotos können unsere Erinnerungen aber auch beeinflussen und verändern.

Manchmal kann das Bild, das wir von einem Ereignis haben, durch die Fotos, die wir davon sehen, verzerrt werden. Ein Foto kann bestimmte Aspekte eines Ereignisses hervorheben und andere ausblenden, und so unsere Erinnerung an dieses Ereignis formen.

Es ist auch interessant zu bemerken, dass das bloße Fotografieren eines Ereignisses unsere Erinnerung daran beeinflussen kann. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die Fotos von einem Ereignis machen, sich später weniger detailliert daran erinnern können als Menschen, die keine Fotos machen. Dies wird als “Foto-Effekt” bezeichnet und zeigt, wie die Fotografie unsere Wahrnehmung und Erinnerung beeinflussen kann.

Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Psychologin Dr. Linda Henkel schon vor einiger Zeit. Nun wurde auf Basis ihrer Untersuchung eine neue Studie durchgeführt – mit nicht weniger verblüffenden Ergebnissen” habe ich in der Zeitung “Die Welt” dazu gelesen.

Bilder lassen uns reflektieren

Die Verbindung zwischen Fotografie und Psychologie ist tief und vielschichtig. Bilder können starke Emotionen hervorrufen, uns helfen, uns selbst zu reflektieren und unsere Erinnerungen zu formen und zu bewahren. Durch das Verständnis dieser Verbindung können wir die Macht der Fotografie nutzen, um tiefer in unsere eigene Psyche einzutauchen und die Welt um uns herum auf eine tiefere und bedeutungsvollere Weise zu erleben.

Ich hoffe, dieser Artikel hat dir einen kleinen Einblick in die faszinierende Welt der Psychologie der Fotografie gegeben. Ob du nun ein Anfänger in der Fotografie bist oder ein erfahrener Profi, ich hoffe, dass du etwas Neues gelernt hast und inspiriert bist, deine eigene fotografische Reise mit einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Quellen und weiterführende Lektüre zu dem Thema:

  • Schafiyha, Liliane: Fotopädagogik und Fototherapie. Theorie, Methoden, Praxisbeispiele, Weinheim/Basel 1997
  • Texte zur Theorie der Fotografie, von Bernd Stiegler, 2010
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