Kreative Spielwiese mit Licht: Was Kunstlicht mit Deinen Fotos macht

Ich baue gerade unsere Garage um. Keine Sorge, das hier wird jetzt kein Heimwerkerblog. Aber während ich überlege, was aus diesem Raum einmal werden könnte, merke ich, dass ich plötzlich über Dinge nachdenke, die beim Fotografieren sonst gerne erst dann auffallen, wenn sie nerven.

Da geht es um so (auf den ersten Blick) banale Fragen wie: Welche Farbe sollen die Wände bekommen? Wo stelle ich mein Licht hin? Wo brauche ich Strom? Wie viel Platz brauche ich um ein Motiv herum? Brauche ich statt der bisherigen Stromverteilung an den Wänden vielleicht sogar eine sinnvoll platzierte Bodensteckdose fürs Dauerlicht oder den Blitz? Und warum befindet sich die nächste Steckdose eigentlich grundsätzlich an der falschen Wand – fast schon eine philosophische Frage.

Eines vorab: Die Garage soll dabei gar kein perfektes Fotostudio werden. Das ist nie meine Idee von kreativer Spielwiese. Viel lieber möchte ich mir einen kleinen kreativen Spielplatz für Fotoprojekte schaffen. Einen Ort, an dem ich fotografieren, filmen und vor allem ausprobieren kann.

Und genau das möchte ich Dir auch empfehlen: Spiel viel häufiger mit Licht.

Denn wenn Du bessere Fotos machen möchtest, bringt Dir das manchmal erheblich mehr als die nächste Kamera oder das nächste Objektiv.

Eine Lampe kann Dein komplettes Foto verändern

Fotografiert vor einigen Jahren in Berlin – das Gesucht ist lediglich von einer Stehlampe beleuchtet.

Wir beschäftigen uns beim Fotografieren erstaunlich viel mit Technik.

Welche Blende? Welche Brennweite? Welches Objektiv? Wie hoch darf der ISO-Wert sein?

Dabei genügt manchmal eine einzige Stehlampe, um aus demselben Motiv ein vollkommen anderes Foto zu machen.

Licht entscheidet darüber, welche Formen wir wahrnehmen, wo unser Blick hängen bleibt und welche Stimmung ein Bild bekommt. Wenn Du Dich damit intensiver beschäftigen möchtest, findest Du in meinen Tipps zum Fotografieren mit Licht noch weitere Beispiele, wie Du vorhandenes und künstliches Licht gezielt für Deine Fotos einsetzen kannst.

Stell Dir ein Porträt vor.

Das Licht kommt direkt von vorne. Das Gesicht wird gleichmäßig ausgeleuchtet, Schatten verschwinden weitgehend und das Bild wirkt eher flach.

Jetzt schiebst Du dieselbe Lampe ein Stück zur Seite. Plötzlich entstehen Schatten, Nase, Wangen und Gesicht bekommen Konturen. Genau mit dieser gezielten Lichtführung arbeiten klassische Porträttechniken wie das Rembrandtlicht. Rückt das Licht noch weiter nach hinten, bleibt vielleicht nur eine helle Kontur an Haaren und Schulter.

Du hast weder Kamera noch Objektiv gewechselt.

Nur das Licht.

Genau deshalb finde ich Dauerlicht zum Fotografieren und vor allem zum Lernen so spannend.

Dauerlicht lässt Dich beim Fotografieren sehen

Was ich an Dauerlicht besonders mag: Ich sehe sofort, was passiert.

Ich verschiebe die Lampe und sehe, wie der Schatten über das Gesicht wandert. Ich gehe näher heran und beobachte, wie sich das Licht verändert. Ich stelle sie höher, tiefer oder weiter seitlich.

Beim Arbeiten mit Blitzlicht ist die spätere Lichtwirkung nicht immer so unmittelbar zu beurteilen – auch wenn Studioblitze mit Einstelllicht dabei natürlich helfen.

Gerade wenn Du Licht noch besser verstehen möchtest, ist Dauerlicht deshalb eine ziemlich gute Schule.

Du brauchst dafür übrigens kein komplettes Fotostudio.

Nimm eine Lampe und einen Gegenstand. Eine Tasse, einen Apfel, eine Pflanze – oder einen Menschen, der ein paar Minuten Geduld mit Dir hat.

Und dann verändere zunächst nicht Deine Kamera.

Verändere nur das Licht.

Mein kleines Licht-Experiment für Dich

Mach einmal fünf Fotos vom gleichen Motiv:

  1. Licht direkt von vorne
  2. Licht im 45-Grad-Winkel von der Seite
  3. Licht fast vollständig von der Seite
  4. Licht von schräg oben
  5. Licht von hinten

Schau Dir anschließend nicht zuerst Schärfe oder Kameraeinstellungen an. Natürlich gehören Blende, Belichtungszeit und ISO zu den Grundlagen der Fotografie, die Du kennen solltest. Bei diesem Experiment dürfen sie aber einmal in den Hintergrund treten.

Schau stattdessen auf die Schatten.

Wo wird Dein Blick hingelenkt? Wann bekommt Dein Motiv Tiefe? Welches Bild wirkt ruhig? Welches dramatisch? Wann verschwinden Strukturen und wann werden sie plötzlich sichtbar?

Genau da beginnt für mich das eigentliche Lernen: beim bewussteren Sehen.

Licht ist nicht einfach nur hell

Beim Planen meiner kleinen Licht-Spielwiese beschäftige ich mich deshalb gerade auch wieder stärker damit, wie unterschiedlich künstliches Licht eigentlich sein kann.

Wir kennen natürlich warmes und kaltes Licht. Aber ebenso interessant ist die Frage, wohin eine Leuchte ihr Licht überhaupt schickt.

Gerichtetes Licht konzentriert sich auf einen bestimmten Bereich. Eine symmetrische Lichtverteilung verteilt das Licht gleichmäßiger in mehrere Richtungen. Bei asymmetrischer Lichtverteilung wird es dagegen bewusst stärker in eine Richtung gelenkt.

Klingt erst einmal ziemlich technisch.

Fotografisch wird das schnell interessant. Möchte ich ein Gesicht möglichst gleichmäßig ausleuchten? Soll nur eine Gesichtshälfte Licht bekommen? Möchte ich den Hintergrund bewusst dunkel lassen oder soll auch dort noch Licht ankommen?

Schon die Richtung des Lichts verändert die Wirkung eines Fotos enorm.

Denn genau damit arbeiten wir beim Fotografieren ständig: Wir entscheiden, welcher Teil unseres Motivs Licht bekommt und welcher im Schatten bleiben darf.

Das ist auch der Grund, warum ich Licht nicht nur als notwendige Helligkeit sehe.

Licht gestaltet.

Und dann liegen da diese verdammten Kabel

Im vorher/nachher Vergleich schon mal wundervoll – doch nun muss ich meinen Strom und einige Details nochmal neu planen

Spätestens hier kommt die weniger romantische Seite der Lichtgestaltung. Ich fotografiere nicht nur in einem kontrollierten Studio. Bei Businessporträts und anderen Shootings arbeite ich häufig in echten Räumen. Mal ist es ein Unternehmen, mal eine Veranstaltungslocation, mal ein alter Raum oder eine Kirche.

Gerade in solchen Räumen kann ich das Licht nicht einfach dort aufbauen, wo zufällig eine Steckdose sitzt. Ich möchte es dort haben, wo es für mein Foto Sinn ergibt.

Und natürlich befindet sich die nächste Steckdose dann gerne an der gegenüberliegenden Wand.

Dauerlichter können samt Stativ zudem einige Kilo wiegen. Dazu kommen Netzteile, Kabel und Verlängerungen. Wenn dann noch Menschen durch den Raum laufen, wird aus einer improvisierten Stromversorgung schnell eine ziemlich unangenehme Stolperfalle.

Bei einem Shooting vor Ort kann ich daran oft wenig ändern. Kabel sichern, Wege freihalten und improvisieren gehört dann eben dazu.

Bei meiner Garage kann ich es von Anfang an anders planen.

Und so beschäftige ich mich beim Ausbau tatsächlich mit einer Sache, von der ich beim Kauf meiner ersten Kamera garantiert nicht gedacht hätte, dass ich einmal darüber schreiben würde: wie eine optimale Bodensteckdose für Lichtverteilung positioniert sein müsste. Schon allein, damit die Kabel nicht zur Stolperfalle für meine Models werden – oder für mich selbst, wenn ich mal wieder 100 Perspektiven ausprobiere und im Halbdunkel durch den Raum husche.

Denn wenn ich einen Raum ohnehin neu plane, finde ich den Gedanken ziemlich charmant, Strom dort verfügbar zu haben, wo später tatsächlich das Licht steht – und nicht sämtliche Kabel von der nächsten Wand quer durch den Raum ziehen zu müssen.

Fotografisch klingt eine Bodensteckdose zunächst ziemlich langweilig.

Bis man zum dritten Mal über ein Verlängerungskabel gestolpert ist.

Bau Dir kein perfektes Studio

Was mir bei der Planung wichtig ist: Ich möchte aus unserer Garage kein steriles Fotostudio bauen.

Mich reizt viel mehr ein Raum, in dem Dinge passieren dürfen.

Ein dunkler Hintergrund. Eine weiße Wand. Vielleicht einmal hartes gerichtetes Licht. Ein anderes Mal eine große weiche Lichtquelle. Gegenlicht. Farbige Lichtquellen. Ein Tisch für kleine Stillleben. Vielleicht auch einmal nur eine einzelne Lampe und sehr viel Schatten.

Genau das soll meine Garage werden: kein perfektes Fotostudio, sondern ein Lichtlabor. Ein Raum, in dem auch etwas schiefgehen darf.

Denn genau dieses Ausprobieren fehlt uns beim Fotografieren manchmal.

Wir suchen nach der richtigen Einstellung, obwohl es vielleicht viel interessanter wäre, eine ungewöhnliche auszuprobieren.

Wir suchen das perfekte Licht, statt einmal zu schauen, was ein ungewöhnliches Licht mit unserem Motiv macht.

Du brauchst dafür keine Garage

Das ist mir zum Schluss wichtig.

Meine Garage ist gerade nur der Anlass, weshalb ich mich wieder intensiver mit dem Thema beschäftige.

Deine kreative Spielwiese kann zwei Quadratmeter groß sein.

Mach abends das normale Raumlicht aus. Stell eine einzelne Lampe neben Dein Motiv. Nimm eine zweite dazu. Leuchte einmal von unten. Halte etwas vor die Lichtquelle. Verändere den Abstand. Nutze eine weiße Wand als Reflexionsfläche.

Und wenn Du danach Lust bekommen hast, noch ein bisschen weiterzuspielen: Genau darum geht es auch bei meinen kreativen Ideen für die Fotografie. Nicht darauf warten, dass irgendwann das perfekte Motiv vor Dir steht – sondern Dir selbst kleine fotografische Aufgaben und Experimente schaffen.

Und beobachte.

Nicht die Kamera.

Das Licht.

Denn vielleicht ist das eine der wichtigsten Fähigkeiten beim Fotografieren überhaupt:

Nicht mehr Licht zu haben.

Sondern zu sehen, was das vorhandene Licht mit Deinem Bild macht.

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